Ich stehe mal wieder vor meiner nach Farben sortierten Kleiderstange und überlege, was ich anziehe. Es ist Sommer und zwar so richtig und deshalb habe ich Lust darauf, eines meiner Sommerkleider auszuführen. Schließlich habe nicht nur ich es verdient, endlich die warme Sommerluft draußen zu spüren und zu genießen. Eines der schönsten Gefühle überhaupt ist für mich, auf einer Wiese zu stehen, umgeben von Natur, geküsst von der Sonne und erfrischt vom Wind, der durch mein Kleid weht. Dabei fühle ich mich absolut frei, leicht und unbeschwert – und damit glücklich. Und weil ich heute sowas von ready für Freiheit und Leichtigkeit bin, ziehe ich mein allerliebstes Lieblingskleid vom Bügel und schlüpfe hinein.

Doch als ich dann vorm Spiegel stehe, um mich zu bewundern, bekomme ich Bedenken. Ob das Kleid ohne BH darunter eine gute Idee ist? Eine steife Brise und meine Nippel sind zu sehen, denke ich. Ist das zu provokant? Nicht, dass mir dann alle auf die Brüste starren. Oder sie mich direkt als Möchtegern-Feministin abstempeln. Vielleicht wäre es doch besser, meine Boobies einzupacken. Auch wenn ich mich dann ein Stück weniger frei und leicht fühle. Immerhin provoziere ich so niemanden und falle nicht auf.

Kommt dir dieser Gedankengang bekannt vor?

Dann weißt du hiermit, dass du damit nicht alleine bist. Und es ist erst einmal überhaupt nicht verwerflich, diese Gedanken zu denken, denn sie gründen auf einem über lange Zeit erbauten Konstrukt aus Verhaltensregeln, die uns Frauen und Menschen mit Brüsten beigebracht worden sind. Das sind vor allem Regeln wie „Sei nicht so laut und falle bloß nicht auf! Nur wenn du dich anpasst, wirst du einen Partner* oder guten Job finden.“ oder „Zeige nicht zu viel Haut, denn das könnte die Männer prozieren!“ oder „Du wirst für billig oder ordinär gehalten, wenn man deine Brüste sieht!“ Wir müssen verdammt viel beachten und beherrschen, damit wir bloß nicht auffallen oder anecken, denn das könnte bedeuten, dass wir keinen Mann* finden, der uns ernährt, oder gar aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. (*Hier wurde absichtlich nur das männliche Geschlecht genannt, da in diesen Sätzen für gewöhnlich nur das männliche Geschlecht genannt wird.)

Aufgeschrieben und vor Augen geführt wird die Absurdität dieser Regeln deutlich. Klar, sie stammen aus einer anderen Zeit, werden aber dennoch auch heute noch von Generation zu Generation weitergegeben. Selbst wenn du diese Sätze in deinem Leben so noch nicht gehört hast, sind sie tatsächlich in deinen Genen verankert. Sie können der Grund dafür sein, warum du dich heute unwohl dabei fühlst, keinen BH zu tragen oder generell kurze und „auffällige“ Kleidung zu tragen. Weil diese Gedanken so tief sitzen, ist es schwer, sie loszulassen – aber nicht unmöglich!

Wie du es schaffen kannst, dich zu befreien

Sicher, es erscheint unfair und mies, dass wir Frauen und Menschen mit Brüsten anscheinend erst diese Arbeit tun und uns mühevoll aus alten, festgefahrenen, gesellschaftlichen Strukturen lösen müssen, um das tragen und tun zu können, was wir wollen. Und es ist auch okay und kann bereits der erste Schritt sein, wütend zu sein. Doch in der Wut zu verharren, bringt dich nicht weiter und entzieht dir die Energie, die du für eine Veränderung brauchst. Was dich hingegen weiterbringt, ist, zu reflektieren und dich damit auseinanderzusetzen, welche Ängste du mit dir herumträgst in Bezug auf das Auffallen und das dich so Zeigen wie du bist. Stelle dir die Fragen: Wieso hast du Angst davor? Welches Bedürfnis steckt hinter der Angst und wie kannst du es auf andere Weise erfüllen? Was könnte schlimmstenfalls und was bestenfalls passieren, wenn du dich traust? Wie würde sich dein Leben verändern?

Es ist sehr gut möglich, dass deine Antworten dir zeigen, dass dein Leben wundervoll sein könnte, wenn du dich nur endlich trauen würdest. Dass Großartiges passieren könnte. Deine Ängste lassen sich vielleicht nicht einfach abschütteln, aber indem du dir selbst deutlich machst, wie toll und energiegeladen und leicht du dich fühlen würdest, kannst du auch trotz und mit ihnen mutig sein. Denn ausschlaggebend ist, dass du die veralteten Regeln (die natürlich noch nie, auch nicht früher sinnvoll waren) in deinem Kopf wahrnimmst und dann leiser werden lässt und stattdessen deine eigenen Regeln aufstellst, laut drehst und befolgst. Denn du und nur du lebst in deinem Körper, bestimmst über ihn und bist der oder die Schöpfer*in deines Lebens!

Meine Boobies & ich

Ich stehe immer noch vor meinem Spiegel. So wie du habe auch ich jetzt eine lange und ausführliche Gedankenreise hinter mir. Ich lasse mir noch einmal meinen Gedanken von vorhin „Auch wenn ich mich dann ein Stück weniger frei und leicht fühle. Immerhin provoziere ich so niemanden und falle nicht auf.“ durch den Kopf gehen. Und muss direkt loslachen. Ich lache darüber, dass sich heimlich, still und leise solche Bullshit-Gedanken in meinem Kopf breit machen, alles andere übertönen und dann tatsächlich mein Handeln beeinflussen. Also drehe ich den Gedanken einfach um: Ich bin es mir wert, mich frei und leicht zu fühlen und es ist vollkommen okay, wenn sich andere von meiner Leuchtkraft provoziert fühlen, denn es erinnert sie vielleicht an ihre eigene. Dann strahle ich mein Spiegelbild an und renne aus der Wohnung, weil ich es nicht erwarten kann, endlich Sonne und Wind und das Glück zu spüren, das sie mir verleihen.

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