Geboren wurde ich, wie wahrscheinlich alle Menschen, ohne Selbstzweifel. Als ich auf die Welt kam, war mir nicht bewusst, dass mein Gesicht anders aussieht als das vieler anderer Kinder. Im Gegenteil, ich war ein sehr lebendiges und aufgeschlossenes Kind, das auf alle zugegangen ist. Je älter ich wurde, desto mehr fielen mir die Dinge auf, in denen ich von den gängigen Schönheitsidealen abweiche. Kein symmetrisches Gesicht, eine große, schiefe Nase, eingefallene Wangen, schiefer Mund, krumme Zähne. Manches wurde im Laufe der Jahre noch durch zwei Operationen verändert, vieles lasse ich aber auch bewusst so. Denn wo ziehe ich die Grenze? Wann bin ich fertig?

Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich vor den OPs geglaubt habe, all meine Probleme würden sich dadurch erledigen. Ich bräuchte nur diese gerade Nase und schon könnte ich selbstbewusst durchs Leben gehen und ich würde niemandem mehr negativ auffallen. Natürlich kann eine so hohe Erwartung nur enttäuscht werden. Selbstvertrauen kann nie aus dem Außen kommen, sondern beginnt als Akzeptanz des eigenen Seins mit allen Aspekten. Sicher kennst auch du eine Person, die du nicht als klassisch hübsch bezeichnen würdest, aber sie hat einfach so eine gewisse Ausstrahlung, die dich fasziniert. Menschen, in deren Gegenwart man sich wohl fühlt und die immer eine gute Stimmung verbreiten. Das Wort Ausstrahlung trifft eigentlich den Nagel auf den Kopf. Etwas von Innen wird nach Außen weitergeleitet und sichtbar gemacht. Es funktioniert also nicht, dass du dein Aussehen anpasst, um dich gut zu fühlen. Wenn du dich gut fühlst, ändert sich ganz automatisch deine Ausstrahlung.

Es ist nie zu spät, etwas im Leben zum Besseren zu verändern.

Das zu lernen, war die wichtigste Lektion meines Lebens und hat über zwanzig Jahre gedauert. Aber es ist nie zu spät, etwas im Leben zum Besseren zu verändern. Bei mir ist es durch eine Vielzahl an Faktoren passiert. Eine langjährige Beziehung hat beispielsweise dazu geführt, dass ich begonnen habe, zu akzeptieren, dass auch ich liebenswert bin. Meine Zusammenarbeit mit sehr kreativen Fotografen hat mich verwundert bemerken lassen, dass man tatsächlich Fotos von mir machen kann, auf denen ich mich mag. Auch hier wieder: Ich habe mich wohlgefühlt und das ausgestrahlt, deshalb sind es schöne Bilder geworden. Vorher kannte ich nur Situationen mit Schulfotografen, in denen die ganze Klasse wie am Fließband innerhalb kürzester Zeit abgearbeitet wurde. Natürlich kommen dabei keine besonderen Ergebnisse heraus.

Nach und nach teilte ich die Fotos in den sozialen Medien und erhielt zum ersten Mal von Fremden positive Kommentare. Bei den eigenen Eltern glaubte man schließlich immer, dass die das sagen müssten. Doch hier machten sich Menschen, die ich nicht kannte, die Mühe, meine Bilder zu kommentieren, um mir Mut zu machen. Und nicht nur das, auch ich machte anderen Mut, weil ich mich so zeigte. Ich begann, in diese Welt der #selbstliebe und #bodyacceptance hineinzuschnuppern und hatte dauernd Aha-Erlebnisse. Nicht ich war falsch, sondern diese verrückte Medienlandschaft, die bestimmte Ideale propagiert, um hervorzurufen, dass Leute sich nicht ausreichend fühlen, wie sie sind. Was die Branchen davon haben? Kohle. In dieser Welt dreht sich leider viel zu viel um Geld. Wenn du unglücklich mit dir bist, haben die Firmen es leicht, dir die nächsten Pflegeprodukte, Klamotten, Schmuck, Luxusurlaube und mehr zu verkaufen. Emotionen sind die mächtigste Verkaufswaffe. Der Mensch dahinter ist egal. 

Um hier nicht zu negativ zu werden kommt jetzt mein vehementer Widerspruch. Ich wusste schnell, dass auch ich einen Beitrag dazu leisten will, an diesen Idealen zu rütteln. Also startete ich meinen Podcast ‚Du bist wunderbar‘, der Menschen darin bestärken soll, dass sie bereits großartig sind und sich nicht verändern müssen. Ich bin überzeugt davon, dass, wenn mehr Menschen zufrieden mit sich wären, viele Probleme auf dieser Welt gar nicht bestünden. Es wird immer Konflikte geben, das ist ganz normal. Doch wer von seinem eigenen Wert überzeugt ist, verschwendet seine Zeit nicht damit, an sich zu zweifeln und macht auch nicht andere schlecht, um sich selbst besser zu fühlen. Ich bin sehr froh, in dieser Zeit zu leben, weil ich schon ein großes Umdenken feststelle.

Es gibt wunderschöne dicke und dünne, haarige und haarlose, muskulöse und weiche Körper jeglicher Haut- und Haarfarben. Und diese dürfen sich auch beliebig oft ändern.

Der einzige Punkt, der mir manchmal Sorge bereitet, ist das Einschießen auf Ideale. Es bringt überhaupt nichts, jetzt dünne Menschen zu verurteilen. Doch oft lese ich abwertende Kommentare in diese Richtung. Mein Motto ist, dass gerade unsere Vielfalt eine Bereicherung ist. Es gibt wunderschöne dicke und dünne, haarige und haarlose, muskulöse und weiche Körper jeglicher Haut- und Haarfarben. Und diese dürfen sich auch beliebig oft ändern. Vor Kurzem las ich von dem Schock, den Adele-Fans hatten, weil sie abgenommen habe. Das ist doch ihr gutes Recht. Ich möchte nicht mehr meine Lebenszeit damit verschwenden, meinen Wert oder den der anderen Personen von solchen Belanglosigkeiten abhängig zu machen. Ich bin gut so, wie ich bin. Du bist gut so, wie du bist. Ich wünsche dir von ganzen Herzen, dass du zu der gleichen Erkenntnis kommst.

Deine Ilka

Ilka Brühl
Webseite: www.ilka-bruehl.de
Instagram: @ilkabruehl

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