Ja, meine Oberschenkel reiben in Sommerkleidern aneinander und sich irgendwann auch wund. Ja, aus meiner Bikinihose schaut ab und an das ein oder andere Haar raus. Ja, ich habe Pickelchen auf meinen frisch rasierten Beinen. Ja, wenn sie nicht frisch rasiert sind, piksen sie dafür. Ja, unter meinem Bauchnabel wachsen ebenfalls Haare. Und ja, meine Füße schwitzen auch in Sandalen.

All das tut mein Körper im Sommer und all das sind Tabus. Wie mein Körper ist und was er tut, ist nicht erlaubt. So wie er ist, ist er nicht richtig. Und über all das wird um Himmels Willen auch bitte nicht gesprochen. Ja, wo kämen wir denn dann hin?

Nun ja, vielleicht endlich mal zumindest in die Richtung einer Gesellschaft, eines Status Quo, in dem wir diesen ganz kleinen Teil von uns – unseren Körper –, verdammt nochmal so sein und das tun lassen können, was er eben sein und tun muss. Sorry, aber da hilft nur ein „verdammt“ und kein „um Himmels Willen“ dieser Welt. Denn ohne unseren Körper würden wir schlichtweg nicht existieren.

Das Ideal in Muffinform

Ist es nicht unglaublich und unfassbar, dass wir unser Selbstbild von dem bestimmen lassen, was andere als „richtig“ und „falsch“ definieren? Richtig, das ist alles, was dem Ideal entspricht, und alles, was dem nicht entspricht, ist falsch und wird direkt tabuisiert. Die Definition dessen passiert vollkommen willkürlich. Denn wie soll sonst entschieden worden sein, dass Haare auf dem Kopf okay sind, Haare auf den Beinen hingegen absolut nicht okay sind? Absolute Willkür. Oder wie wurde sonst festgelegt, dass es gar nicht geht, wenn man den Schweiß, mit dem unser Körper seine eigene Temperatur reguliert, auf der Bluse sieht? Oder dass eine schiefe Nase weniger schön als eine gerade Nase ist?

Bei der Definition des Schönheitsideals wurde ein kleines, feines Detail nicht bedacht: Hinter alldem steckt unser Körper, der einfach ein krasses Wunder ist und uns jeden einzelnen Tag durch unser Leben trägt. Anstatt ihm jeden einzelnen Tag dankbar dafür zu sein, pressen wir ihn mit aller Mühe in die Muffinform des Schönheitsideals. Und wenn dabei etwas herausquillt, schneiden wir unseren Körper – bildlich gesprochen – lieber so zurecht, dass er hineinpasst, als nur kurz darüber nachzudenken, ob nicht viel eher die Form das Problem ist.

Wie wir Tabus brechen

Um das Ideal, das diesen riesigen Druck auf unsere Schultern lädt, loszulassen und unserem Körper Freiheit zu gewähren, dürfen wir lernen, unseren Körper und alles an ihm und damit uns selbst zu akzeptieren. Denn wenn wir das Ideal loslassen, können wir wiederum all die Tabus ein für alle Mal in die Tonne klopfen, klein schreddern und einfach vernichten. Ja, wir können zwar theoretisch die Gesellschaft für die bestehenden Tabus beschuldigen, aber abschaffen können wir sie dadurch leider nicht. Um das zu schaffen, müssen wir, jede von uns, selbst Verantwortung übernehmen und lernen.

Selbstliebe ist mehr als ein heißes Bad

Wir reden hier viel von Bauch- und Selbstliebe und das ist auch unglaublich wichtig. Denn dabei geht es eben nicht nur darum, uns ein heißes Bad einzulassen und eine Gesichtsmaske aufzutragen. Es geht vor allem darum, in uns zu schauen und ehrlich mit uns zu sein. Genau dahin zu schauen, wovor wir gerne die Augen verschließen Uns all das bewusst machen, was nicht in die Muffinform passt. All das aus den Ecken herauszukramen, was wir da gut versteckt haben, weil uns die Konfrontation schmerzt. Uns um uns selbst zu kümmern bedeutet in uns aufzuräumen und das ist erst einmal nicht nur angenehm.

Aber anders als bei Marie Kondo sortieren wir dann nicht all das aus, was uns keine Freude bringt. Denn uns selbst zu lieben schließt auch alles an uns, was wir vielleicht nicht mögen und wogegen wir uns wehren, ebenfalls mit ein. Uns selbst zu lieben bedeutet all das zu umarmen, was wir ablehnen. Und wenn wir uns selbst so akzeptieren wie wir sind, können wir offen darüber reden, weil uns Ablehnung von außen nicht mehr aus der Bahn wirft. Dann spielen Ideale keine Rolle mehr. Und so vernichten wir die Tabus eines nach dem anderen.

Seien es also die spriesenden Beinhaare, die schiefe Nase oder die Oberschenkel, die aneinander reiben: Wenn wir sie und unseren Körper so akzeptieren und lieben lernen wie er ist, sprengen wir unsere eigenen mentalen Grenzen und dann auch irgendwann die gesellschaftlichen.

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