Auszug aus unserem Magazin FEEL BE LIVE YOUR QUEEN

An einem Abend vor etwa sieben Jahren überredete mich Tanne, eine ziemlich gute Freundin, bereits weit nach Mitternacht noch in einen Club mitzuziehen. Die Nacht war gelaufen, ich nicht wirklich in der Stimmung und die ersten Discoqueens verwandelten sich bereis in dönerfressende Geschöpfe, was mein Verlangen nach meinem ersehnten Bett nur noch verstärkte. Doch wie heißt es so schön: Guten Freund*innen gibt man ein Küsschen, ich meine, einen Gin Tonic, oder lässt sie jedenfalls in dem Glauben, das wäre die Nacht der Nächte. Das war sie definitiv nicht und dennoch sehr, sehr, sehr einprägsam! Was Johannes zu verschulden ist, den ich an diesem Abend kennenlernte. Nach zehnminütigem Smalltalk, den wir uns echt hätten sparen können, stellten wir beide fest, dass wir eindeutig neue Hoffnung in Form von Gin benötigten.

Da ich es sowieso nicht passend hatte, zahlte ich sein Getränk gleich mit, was Johannes sichtlich flashte. Daraufhin erzählte er mir, dass es so gut wie nie vorkam, dass ihn auch mal eine Frau einlud, und dass er es sogar ziemlich dreist fände, dass seine Dates immer davon ausgingen, dass der Mann zahlte. Echt jetzt, wollte er wirklich um vier Uhr morgens über Gleichberechtigung sprechen? Recht desinteressiert antwortete ich, dass Frauen eben wie Prinzessinnen behandelt werden wollen, und er fragte mich darauf: „Und wer sagt, dass Männer nicht auch wie PrinzessINNEN behandelt werden wollen?“

Ich verschluckte mich heftigst an meinem Gin, und glaube mir, Gurke in der Nase ist echt nicht so sexy, aber okay, jetzt hatte er auf jeden Fall meine Aufmerksamkeit. Also eröffneten wir die spannendste Diskussion über Rollenverteilung, Frauenquote und Hausmänner, die ich jemals geführt hatte. Auch wenn es erschreckend ist, brachte mich das Gespräch dazu, das erste Mal überhaupt meine eigenen Erwartungen vom „Mann sein“ zu hinterfragen. Und den ganzen Schmerz (ja, auch den männlichen) nun noch deutlicher zu erkennen, der meines Erachtens zum größten Teil vom Ungleichgewicht von Dominanz und Hingabe auf dieser Welt ausgelöst wird.

Ich weiß nicht, wie es bei deinem Opa oder Uropa gewesen ist, aber meiner hätte auf keinen Fall den Beruf des Erziehers oder Kosmetikers gewählt, wenn ihm danach gewesen wäre. Ist toxische Männlichkeit also nur ein Problem der Vergangenheit, weil wir heute ja um einiges weiter sind? Sind wir das wirklich? Wird kleinen Jungs nicht immer noch mit Sätzen wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ Tapferkeit eingeflößt? Schließlich haben wir einen gigantischen Spielzeugmarkt, damit sie auch alle schön an Action, Mobilität und Technik interessiert bleiben. Und in Spielwarengeschäften ist alles schön blau und grün gekennzeichnet, damit sich auch bloß keiner der kleinen Racker in die Mädchenabteilung verläuft (Wusstest du, dass vor hundert Jahren Rosa die Farbe der Jungs war? Früher galt Rosa als „das kleine Rot“ und Rot stand für Blut und Kampf und somit für Männlichkeit). Auch wenn wir immer häufiger Sätze lesen wie „ROSA IST FÜR ALLE DA“, ist es so, dass kleine Mädchen, die mit Autos oder Bällen spielen, fast schon cool sind, doch kleine Jungs dagegen, die rosafarbene Kleidung tragen und mit Puppen spielen, in ihren Vätern meistens eher Panik auslösen. 

Und wie sieht es eigentlich mit Männern in sozialen Berufen aus? Schlecht! Viele meiden den sozialen Bereich von vornherein, weil die Sorge, als Hauptverdiener der Familie könnte das Geld nicht reichen, oftmals größer ist als der „unnötige“ Drang (der meist nur Frauen gewährt ist), Erfüllung im Beruf zu finden. Was macht das mit Generationen von Männern, wenn sie fast ausschließlich von Frauen, sei es im Kindergarten oder auch im Anschluss in den Schulen, erzogen und unterrichtet werden? Sind das wirklich passende Vorbilder? Und wo sind die ganzen “echten Männerrollen“, an denen sich kleine Jungs orientieren können, wenn ihnen die Superhelden aus den Comics oder der erschöpfte Vater, der abends keine Kraft mehr hat, mit seinem Sohn die Welt zu entdecken, nicht ausreichen? Von so wenig Sanftmut blutet mir das Herz. Stattdessen wird bereits von den ganz Kleinen Tapferkeit und Stärke erwartet. Zusätzlich wird ihnen von Kinderbeinen an suggeriert, dass der größte Makel für Männer Gefühle sind, und besonders Schwäche. 

Die „Fearleaders Vienna“ hinterfragen als männliche Cheerleader klassische Geschlechterrollen – in knappen Höschen, mit schicken Pompons und vollen Bärten. Sie brechen das gängige Klischee, dass Männer beim Sport Helden sein und jeden Wettkampf gewinnen müssen. Stattdessen feiern sie den Hedonismus und haben Freude an dem „Frauensport“ Tanz. Sind diese Wiener Burschen vorbildliche Ausnahmen oder sind wir tatsächlich bereit für weinende Männer? Für Männer, die uns nicht mehr einladen und uns auf dem Weg nach Hause nicht mehr ihre Jacken anbieten, denn schließlich ist ihnen ja auch kalt (auch wenn Hollywood das bloß für den romantischen Moment gerne mal ausblendet)?

Denn seien wir mal ehrlich: Vieles von dem, was wir Frauen von Männern wirklich wollen, ist ziemlich verstörend. Zwar wollen die meisten Frauen finanziell unabhängig sein, doch einen gut bezahlten Job sollte der Mann im Fall der Fälle trotzdem vorweisen können. Wir mögen es gerne etwas dominanter, aber auf gar keinen Fall zu machohaft. Einfühlsam soll der Traummann auch noch sein, aber bitte keine Memme. Puh, na dann viel Erfolg bei der Suche! So wie Werbung und Medien versuchen, uns Frauen ständig die Position des schöneren, nie älter werdenden Geschlechts zu geben, haben sich Männer gefälligst für schnelle Autos zu interessieren, Berge zu besteigen und natürlich Gillette Rasierer zu benutzen.

Wir haben also noch einiges vor uns, wenn wir Männern (und vor allem sie auch sich selbst) endlich mehr als nur einen ungefilterten, emotionalen Moment gewähren wollen. Und ja, definitiv haben es Frauen schwerer, vor allem im beruflichen Kontext, sich Sichtbarkeit zu verschaffen, doch deshalb haben Männer nicht unbedingt weniger Schmerzthemen. Wahre Königinnen erkennen dies, bemerken die großen „Bauchschmerzen“ der Männer und fangen an zu hinterfragen, wie egoistisch der Wunsch nach einer „starken Schulter“ tatsächlich ist und welche Signale das aussendet. Du darfst deine Partnerschaft danach wählen, ob du diesen Menschen wirklich willst, und nicht, ob du ihn brauchst.

“Liebevolle Männer wird es dann geben, wenn wir Männer lieben. Männlichkeit zu lieben ist anders als Männer zu loben und zu belohnen, wenn sie gemäß dem Ideal einer sexistisch motivierten Idee der Männlichkeit leben. Männer für das zu lieben, was sie für uns tun, ist etwas anderes, als Männer zu lieben, weil es sie gibt. Wenn wir Männlichkeit lieben, dann lieben wir Männer, ob sie eine Erwartung erfüllen oder nicht. Erwartungen erfüllen ist etwas anderes als das bloße Sein. In einer patriarchalen Kultur dürfen Männer nicht einfach sie selbst sein und ihre Individualität zeigen. Ihr Wert wird durch ihr Handeln definiert. In einer antipatriarchalen Kultur dagegen müssen Männer ihren Wert nicht beweisen. Sie wissen von Geburt an, dass ihre bloße Existenz wertvoll ist und dass sie ein Recht darauf haben, geschätzt und geliebt zu werden.“

Bell Hooks (Buch: “The will to change”

Es wird dauern bis Männer, die sich jahrelang vor ihren Gefühlen nicht nur versteckt, sondern davor auch gefürchtet haben, lernen, ihren eigenen Umgang damit zu finden. Lasst sie uns dabei unterstützen und ihnen so oft wie nur möglich mit Liebe und voller Sanftmut die Erlaubnis dafür geben, die sie sich selbst noch nicht geben können (tolle Buchempfehlung für Groß und Klein: „Männer weinen“ von Jonty Howley – eines der wichtigsten Kinderbücher überhaupt). Ich danke Johannes für den Satz, dass Männer auch Prinzessinnen sein wollen, und möchte diesen Artikel all den Männern widmen, die sich in den feministischen Diskussionen mit mir leider immer noch angegriffen fühlen – ich liebe euch. Ach ja, im Übrigen brachte ich dank ihm das erste Mal in meinem Leben einen Mann nach Hause und niemand musste irgendjemandem seine Jacke geben, denn Johannes und ich wärmten uns einfach gegenseitig.

Deine Sandra

P.S.Diesen Text findest auch in unserem brandneuen Magazin FEEL BE LIVE YOUR QUEEN! Hast du es denn schon in unserem Online-Shop vorbestellt? Wenn nicht, wird es höchste Zeit!

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