Also wenn der eigene Lebenssinn in coolen Kleidungsstücken gemessen werden würde, dann wäre ich bis vor kurzem noch richtig gut dabei gewesen. Also, ich meine bei der Sache mit dem Sinn. Doch abgesehen davon, dass der eigene Lebenssinn oder gar das eigene Glück nicht so leicht zu ermitteln und zu beschreiben ist, habe ich herausgefunden, dass für mich schöne Erinnerungen und unvergessliche Momente, die mich die Zeit vergessen lassen und Gänsehaut verursachen, das Sinnvollste zu sammeln sind. Und tadaaa, die erstaunliche Erkenntnis dabei ist, dass ich mich, wenn ich auf diese „Qualitytime”-Momente zurückblicke, meistens nicht nur nicht mehr daran erinnere, was ich getragen habe, sondern es oft auch absolut keine Rolle spielt (Kopfkino-Alarm: abgesehen davon, dass viele meiner „Glücksmomente“ nackt geschahen und hoffentlich noch oft geschehen werden). Doch, wie es so oft ist, musste mein Geldbeutel ziemlich lange hart am Limit leben, bis ich das wirklich verinnerlicht hatte…

„Sandra, du siehst mal wieder toll aus! Wo kaufst du nur immer diese außergewöhnliche Kleidung?“ Solche Sätze hörte ich ständig und wollte ich auch hören. Denn was mit einer „kleinen Leidenschaft“ und einer spielerischen Laune begann, barg plötzlich ein immenses Suchtpotenzial. Die Anerkennung und die Komplimente, die ich für meinen Modegeschmack und meine außergewöhnlichen Looks bekam, taten gut und waren oftmals mehr als Balsam für meine Seele. Wenn ich schon keine Komplimente für meine misslungenen Abnehmerfolge einkassieren konnte, dann blieb mir immerhin noch das: „Die Dicke kann sich aber gut anziehen.“ 

Eine neue (Mode-)Mission, und das, bevor Curvy überhaupt angesagt war, war in mir geboren. 

Ich, Sandra Wurster, erkor mich selbst zur „Dicke-Oberschenkel-Fashionista“ und erstellte meinen ersten Modeblog  auf Tumblr: „Ugly but Sexy“ (keine Ahnung, was ich mit dem Titel bewirken wollte). Klar wollte ich damals wie auch heute Frauen in jeglicher Kleidergröße dazu inspirieren, sich zu zeigen, doch tatsächlich war meine neue “Mission“ einfach eine verdammt gute Tarnung, damit niemand bemerkte, dass diese Schmeicheleien meinen Selbstwert enorm aufpolierten. Und das ging ganz schön ins Geld. 

Was niemand wusste: Ich war wegen meiner Shopping-Touren, sowohl online als auch offline, verschuldet. Zwar waren es nie drastische Beträge, aber eine Woche Spanien wäre damit auf jeden Fall drin gewesen. Meine Kreditgeber H&M, ZALANDO und ASOS waren gnädig, boten mir immer wieder Teilzahlungen an und schickten mir parallel weiterhin Rabatt-Gutscheine, damit ich auch weiterhin treue Kundin blieb – wie nett von ihnen. In meinem Flur türmten sich ständig große Pakete. Mein daraus entwickeltes Workout lautete „Päckchen wegbringen“ und, junger Vater, kam ich dabei ins Schwitzen! Und obwohl ich mir ständig einredete, dass ich alles unter Kontrolle hatte, drohte mein System bald einzubrechen.

Nicht nur einmal kam es vor, dass ich meine letzten Cents für ein Kleidungsstück, das ich unbedingt haben musste, ausgab und dafür meine Miete nicht zahlen konnte. Ich war finanziell ständig gestresst. Doch dann kam zum Glück Tobi in mein Leben. Ein Mann, der Hosen aus seiner Jugend trug, die mittlerweile nicht nur abscheulich unschick, sondern ihm auch viel zu klein geworden waren. Doch irgendwie faszinierte mich das. Unsere kleine Liebesgeschichte hielt spannende vier Jahre. In dieser Zeit zeigte er mir immer wieder auf, was mein Fast-Shopping für den Rest dieser Welt bedeutete, rechnete mir vor, wie viel Geld ich im Monat mehr hätte, wenn ich weniger für Kleidung ausgab, und hielt Zeiten des Shopping-Fastens mit mir durch. Es war hart, wirklich hart, doch dadurch gewann ich wichtige neue Erkenntnisse und er immerhin ein paar Hosen, die ihm passten. 

Ich shoppte nicht nur, um anschließend mit Komplimenten meinen Selbstwert polieren zu können, sondern auch oft, wenn ich einen „nicht so guten Tag“ hatte, mir die Kontrolle im Alltag entglitt oder mich meine eigenen Selbstzweifel mal wieder in der Hand hatten. Kurz gesagt: Wenn mir Spaß, Freude, Abwechslung oder Sinn fehlten, musste „kurzes Glück“ her oder eben Betäubung (wie auch immer du es nennen magst). Doch das befriedigte mich nur kurz und zog mich dadurch in die Abhängigkeit. 

Ein voller Kleiderschrank füllt keine innere Leere! Aus dem Motiv des Mangels kaufte ich noch dazu zu schnell und zu unüberlegt. Genau das waren dann die Teile im Schrank, die ich nicht ausführte, weil sie eben doch nicht gut saßen oder mir auf den zweiten Blick gar nicht gefielen. Kommt dir das bekannt vor? 

Meine SOS-Tipps für dich: 

  • Beobachte, wann du kaufst. Etwa, wenn du nach einem langen Arbeitstag, an dem du dich nicht gespürt hast, mal wieder die allseits bekannten Seiten durchscrollst, um dich zu belohnen oder dir eine „kleine Freude zu bereiten“? Dann versuchst du höchstwahrscheinlich mal wieder, innere Leere mit einem neuen Look zu kompensieren…
  • 3-Tage-Regel, gern ausdehnbar. Wenn dir etwas wirklich, wirklich gut gefällt und du das Gefühl hast, dass es ein absolutes Must-Have für dich ist, dann lass es dir zurücklegen. Wenn es dir dann nach drei Tagen nicht aus dem Kopf gegangen ist, ist ein zweites Mal Anprobieren einfach drin. Falls es bereits vergriffen sein sollte, darfst du auf den Mode-Gott hoffen, der bereits das nächste tolle Teil für dich bereithält – versprochen!
  • Dein Kleiderschrank lebt & somit leben auch deine Looks. Es wird immer jemanden geben, der oder die schlechter oder besser angezogen ist als du – lass dich deshalb nicht stressen! Du musst nicht für jeden Anlass perfekt ausgestattet sein. Sehe dein Leben als die spannendste Shoppingtour überhaupt, auf der du noch viele Möglichkeiten haben wirst, dich in das ein oder andere Teil zu verlieben.
  • Trau dich, in kleine Läden zu gehen, bei unbekannteren Labels einzukaufen und eventuell etwas mehr Geld in die Hand zu nehmen, vor allem wenn du den Druck verspürst, immer außergewöhnliche Look kreieren zu wollen. Indem du nicht mehr dort einkaufst, wo in extremer Masse produziert wird, ist die Chance größer, Einzelstücke zu ergattern (Secondhand & Flohmärkte sind hier auch sehr zu empfehlen, vor allem, um deinen Look etwas mehr Geschichte zu verleihen). Kleiner Nebeneffekt: Du unterstützt kleine Unternehmen, wirst wahrscheinlich anders mit deinen Einzelstücken umgehen und deshalb sicher auch mehr davon haben. 

Kennst du diese abgefahrenen Personen, die einen ganzen Raum einfach durch ihre Präsenz zum Leuchten bringen und alle in ihren Band ziehen? Wahnsinn, oder? So, als würden sie ihr wichtigstes Accessoire stets bei sich tragen. Eine mögliche Theorie von mir dazu: Sie haben es einfach runtergeschluckt und leuchten nun ganz elegant von Innen heraus. Interessant ist auch, dass ich von der Aura dieser Menschen immer so verblüfft bin, dass ich mir selten Gedanken über ihre Kleidung mache.

Bitte verstehe mich nicht falsch: Ich finde immer noch, dass uns eine tolle Lippenstiftfarbe oder der neue Lieblingsrock pushen kann und in uns das Gefühl weckt, dass wir es mit der ganzen Welt aufnehmen könnten. Doch ich habe keine Lust mehr darauf, dieses Gefühl, nachdem ich mich abgeschminkt und meine Kleider abgelegt habe, ebenfalls wie ein Superheldinnen-Kostüm abzulegen. Ich bin nämlich, genauso wie du, bereits die Heldin meines Lebens! Statt im Außen ständig dafür zu sorgen, dass es für alle sichtbar ist, habe ich begriffen, dass es erst einmal für mich sichtbar sein muss, und zwar in jeder Kleidungslage! Tolle Looks können zwar ermutigen und uns sichtbar machen, doch niemals unser wichtigstes Accessoire, unser Selbstbewusstsein ersetzen…

Deine Frau Wurst  

P.S.: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei – deshalb gibt es nächsten Monat bereits mehr von mir!

 
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