von Bettina Viola Barth

Hinweis: Achtung, der folgende Text kann Trigger bzgl. Essstörungen enthalten.

“Du siehst ja klasse aus. Du hast abgenommen, oder?”

Auch bei den Bauchfrauen wurde diese Art von Komplimenten schon kritisiert und gefordert: Hört bitte auf, Komplimente fürs Abnehmen zu machen. Warum mich Komplimente krank gemacht haben, möchte ich mit euch teilen.

Es begann alles in meiner Jugend. Ich war immer schon ein bisschen mehr und das machte mir nichts aus. Natürlich hatte ich die Gnadenvier in Sport, aber auch das wurde besser, als ich an eine neue Schule ging und meine erste Beziehung hatte. Doch nach einem Streit mit meiner besten Freundin begann sich das Rad des Schicksals für mich zu drehen:

Es gab eine zwischenzeitliche Trennung. In einer Mischung aus Liebeskummer und immer wieder Kranksein nahm ich etwa 20 Kilo ab. Vorher war ich eine 42/44 – größere Kleidung gab es auch im kleinen Cuxhaven nicht wirklich zu kaufen – und jetzt passte ich in eine knallenge Taillenjeans.

Erst merkten die anderen gar nichts, aber plötzlich wurde ich mit Komplimenten überschüttet. Im Vorjahr hatte ich meinen Notenschnitt um über eine Note gesteigert, aber fürs Abnehmen wurde ich so gelobt als hätte ich den Nobelpreis gewonnen. Etwas in mir setzte sich in Bewegung. Selten hatte sich jemand über mein Gewicht beklagt, aber wenn sie mich jetzt alle so toll fanden, fanden sie mich dann vorher mit mehr Gewicht nicht so toll?

Phase 1: Komplimente & exzessives Hungern

Heute nenne ich die Phase, die die nächsten drei Jahre folgte, Essstörung 1. Eine klassische Anorexie. Damals gab es noch keine Smartphones, also hatte ich immer ein Notizbuch dabei, worin ich grammgenau das mit Muttis Küchenwaage gemessene Gewicht meines Essens notierte.

So seltsam das klingt: Für viele Menschen war es sehr normal, dass ich damals nicht mehr als 800 Kalorien pro Tag aß und, wenn es am Wochenende doch mal mehr wurde, dann hasste ich mich. Aber es war nicht nur das Essen. Ich saß auch mindestens eine Stunde am Tag auf dem Trimmrad meiner verstorbenen Omi oder schwamm Bahnen bis mir fast schwarz vor Augen wurde. Und es war so normal. In dieser Zeit ging es vielen Mädchen nicht anders: Abnehmpakte, Bulimie.

Glücklicherweise endete meine Schulzeit und mit etwas Distanz zu meinem damaligen Freund und dem Druck der Schulzeit dachte ich, dass ich auch diese Esstörung hinter mir lassen kann. Ich machte zu Studienbeginn viel zu viele Kurse an der Uni und war meist von 7 Uhr bis 20 Uhr oder 22 Uhr aus dem Haus. Ich stellte meine Ernährung radikal um, aß wieder mehr und gesund, schnibbelte morgens unbeholfen mein Gemüse und verzichtete auf Fertigprodukte.

Phase 2: Stress

Aber die darauffolgende Zeit nenne ich heute Esstörung 2. Ich fand meinen Weg in die kreative Szene. Erst sang ich in einem großen A Capella Chor, dann führte mich mein Weg ans Theater. Und wie soll ich das am besten beschreiben? Bei all dem Trubel von Nebenjobs, Studium und Theater  verlor ich mich. Es gab Wochen, ganze Monate, da trank ich Kaffee und zuckerfreie Energydrinks. Ob ich an manchen Tagen überhaupt etwas gegessen habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Wenn ich mitten im Arbeitsstress war – von Uni zu Job, von Job zu Theater hetzte -, spürte ich keinen Hunger. Abends oder morgens, je nach Job, fiel ich einfach nur noch ins Bett.

Gab es keinen Stress, aß ich mehr und nahm natürlich zu. Dann fühlte ich mich unwohl. Eben nicht mehr Anorexie, aber irgendwie gesund war das nicht.

Mein Weg aus der Essstörung

Erst zu mir gefunden habe ich, als ich mein altes Leben hinter mir gelassen habe. So sehr ich die Zeit am Theater geliebt habe, gesundheitlich habe ich mir damit nichts gutes getan. Nach dieser Zeit machte ich eine Art Rehab – ein spätes FSJ in einer neuen Stadt, Hannover. Und dort traf ich meinen heutigen Ehemann.

Ich denke, es liegt nicht an unserer Lovestory, dass ich einen Weg raus aus Essstörung 2 gefunden habe. Es war vielmehr sein Wunsch als Mitbewohner, als frisch gebackener Vegetarier mit mir zu kochen.

Mein Wohlfühlgewicht

Was ist mein Wohlfühlgewicht? Das vermag ich nicht in einer Zahl auszusagen. Aber ich fühle mich wohl, wenn ich mich genug bewege und mich gesund ernähre. Momentan habe ich durch eine Verletzung im letzten Jahr etwas zugenommen. Dann achte ich eben momentan mehr darauf, dass ich täglich meine 10000 Schritte gehe und ein wenig Sport mache. Aber Hungern? Ich bin jetzt 30, ich möchte meiner Gesundheit so etwas nicht noch einmal antun.

Ob ich abnehme, zunehme oder einfach bei meinem jetzigen Gewicht bleibe: Heute weiß ich, dass die Hauptsache ist, dass ich meine Qualitäten an mir zu schätzen weiß und sich mein Wert nicht an der Größe in meinem Kleidungsetikett misst.

Über Bettina:

Bettina Barth ist 30 Jahre alt und lebt aktuell in Oldenburg. Bereits mit 13 Jahren hatte sie ihren ersten Blog, schreibt seit vielen Jahren kreativ und ist auf Instagram unter @bettinaviolabarth zu finden.

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