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Angst darf sein

Sandra Wurster | 07 September, 2022


          
            Angst darf sein

Ich bin aus meinem Sommer-Monat zurück und es war einfach nur fantastisch, nächstes Jahr wird die Zeit auf jeden Fall verdoppelt. 

Habe jedenfalls heftig gechillt, so unfassbar lecker gegessen und endlich wieder Steine & Muscheln am Strand gesammelt. Ich hatte einfach einen fantastischen Sommer, ohne Baucheinziehen und ohne Verzicht (war viele Jahre anders). 

Habe tatsächlich auch das aller erste Mal spontan meinen Urlaub verlängert und bin mit einem dazu gebuchten Flug noch weitergezogen. Irres Gefühl für mich! 3 Wochen Road-Trip durch Italien und ein paar zerquetsche Tage zum Abschluss auf der wunderschönen Insel Sizilien und ich fühle mich gleich wie die mutigste Weltenbummlerin aller Zeiten. Fräulein Wurster erobert die Welt oder jedenfalls Italien. 

Nicht ganz uninteressant ist vielleicht der spannende Aspekt, dass ich noch vor einigen Jahren an Angstattacken lit und diese sich besonders sichtbar machten, wenn ich meine Komfortzone verließ. Und dazu gehörte für mich eindeutig das Reisen. Lange Flüge oder Zugfahrten waren Horror, mit Zwischenstops doppelter Horror und alleine reisen Triple Horror! 

Über meine eigenen Ängste könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Doch was ich hauptsächlich in den letzten Jahren durch sie lernen durfte, ist, dass wir sie uns so gut wie nie erlauben. Ja, Kinder und zerbrechliche alte Menschen dürfen natürlich Furcht empfinden. Für den Rest vom Fest gilt dies nicht, außer du möchtest zu den Schwachen gehören. Doch es kommt noch schlimmer. Unsere Abneigung gegenüber Schwäche ist so enorm, dass wir inneren Widerstand erzeugen. Bevor wir nämlich unsere Ängste fühlen, fühlen wir lieber gar nichts! Dabei bemerken wir gar nicht, dass durch den inneren Widerstand, der daraus resultiert, Situationen und Dinge nicht annehmen zu wollen und zu können, nur noch mehr Druck und Spannung auf uns lastet. 

Wir leiden. 

Radikale Annahme ist auch hier ein großer Game-Changer. Schmerz und Herausforderungen sind unvermeidbar, aber ob wir wirklich leiden, liegt letztendlich an uns selbst. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir durch unser Bewusstsein lernen können, unseren Schmerz mit der Zeit immer besser zu verstehen und zu beobachten, ohne ihn stets intensiv fühlen zu müssen. Sich selbst zu erlauben Angst fühlen zu dürfen, kann zusätzlich extrem bereichernd sein, den eigenen inneren Widerstand abzubauen. 

Diese Mythen halten zusätzlich einige Menschen auf (lange auch mich). Lass uns diese mal kurz sprengen! 

Mythos 1: Irgendwann bin ich bereit(er), irgendwann bin ich besser und irgendwann habe ich keine Angst mehr. 

Meines Erachtens ist das Leben viel zu kurz für irgendwann! Es gibt keine Rechtfertigung, um deine kostbare Lebenszeit zu verwarten. Du bist bereits jetzt schon die beste Version deiner Selbst und verdienst deshalb alles! Übrigens entsteht Wandel durch Handeln. Jeder Anfang ist meistens schwer, wie für mich zum Beispiel das alleine reisen. Doch nach der 5ten Zugfahrt wurde es für mich leichter, mit jedem Mal wird es etwas weniger schwer. Übrigens kannst du irgendwann auch vielleicht gar nicht mehr da sein. 

Mythos 2: Angst ist vermeidbar. Ich muss mich eben noch etwas mehr bemühen, um keine Angst mehr zu haben. 

Angst wird es immer geben und sie wird auch unterschiedlich stark präsent in deinem Leben sein. Wenn du meinst, warten zu müssen, bis deine Angst sich auflöst, um erst dann für deine Herzensthemen und Träume und Co. losgehen zu können, kann es sein, dass du so lange wartest, bist du verlernt hast, wie losgehen geht. 

Mythos 3: Die Welt gehört den Mutigen.

Würde ich sofort korrigieren in: Die Welt gehört den Neugierigen! Ich bezweifle stark, dass es mutig ist, keine Angst zu haben. Viel eher trotz seiner Angst loszugehen und seine Neugier und Motive größer oder wichtiger werden zu lassen. Seine eigene Verletzbarkeit zu kennen, macht stark. Es kann keine wahre Lebendigkeit existieren, wenn nicht Verletzbarkeit existiert.

Während ich diesen Artikel schreibe, wird mir übrigens ziemlich heftig bewusst, dass über 95% dessen, worüber ich mir Gedanken und Angst gemacht habe, niemals in meinem Leben eingetroffen ist. Ich finde das ziemlich krass. Vor allem wenn man sich bis Dato von seinen Ängsten hauptsächlich leiten lassen hat. Die Tatsache, dass wirklich kaum etwas von dem geschieht, worüber wir unser Köpfchen stets zerbrechen, hilft zu verstehen, dass Angst letztendlich auch „nur“ ein Gefühl ist, das gefühlt werden will und dann gehen kann. 

Wenn du also mal wieder in einer schmerzhaften Situation / Herausforderung bist, versuche auch wenn es nur für einen kurzen Moment ist - die Augen zu schließen, bewusst zu atmen und zu spüren, welche Stellen deines Körpers sich dicht und eng anfühlen und wo es sich offen und leicht anfühlt. Scanne deinen Körper ab. Spürst du Hitze, Kälte oder etwas anderes? Versuche es zu vermeiden, es gleich als angenehm oder unangenehm zu bewerten und arbeite mit dem Satz: >>Du, Es darf sein. Alles ist Energie in Bewegung und ich erlaube dem Fluss dieser Information, mein ganzes System zu durchdringen.<<Mit der Zeit wirst du darin immer besser werden und feststellen, dass dir jede Form von Emotion ein zusätzliches Stück Lebendigkeit verleiht. Zudem ist dies eine gute Übung für alle, die sich und die eigenen Gefühle kaum spüren oder sich zu sehr mit ihnen identifizieren. Durch das bewusste Hineinfühlen werden wieder unterschiedliche Fühl-Nuancen sichtbar (auch wenn ganz langsam) und zugleich kann man durch diese Übung einiges an Dramatik ablegen, wenn man begreift, dass es letztendlich „nur“ Informationen sind. 

Ich stelle mir dazu gerne einen großen gelben Amerikanischen Schulbus vor mit sehr vielen Sitzplätzen. Auf denen eine Menge unterschiedliche Varianten meines selbst hocken; eine 4 jährige Sandra, die 13 jährige Sandra, eine 16 jährige Sandra und so weiter und so weiter. 

Ich weiß, hört sich erstmals etwas leicht gruselig an, doch letztlich sind all diese Versionen meines Selbst mein inneres Kind. Und oft, wenn ich Wut oder Angst wahrnehme, hat dies mehr mit einer meiner jüngeren Varianten und der Vergangenheit zu tun, als der aktuellen Realität. 

Und ja, in „meinem Bus“ kann schon mal ordentlich die Post abgehen - vor allem, wenn ich im Außen (bewusst oder unbewusst) getriggert wurde. 

Doch letztendlich weiß ich, dass ich die Oberhand habe und verweise alle wieder liebevoll auf ihre Plätze. Besonders wenn es um wichtige Entscheidungen geht, lasse ich nicht die Vergangenheit ans Lenkrad meines Lebens. Sonst wird es schwierig, mit dem Erreichen neuer Orte!

Die meisten Menschen tun sich allerdings genau damit sehr schwer, Entscheidungen zu fällen und beziehen sich oftmals aus Angst vor Fehlern und aus Schutz nicht das Falsche zu tun aus bereits gesammelten Erfahrungen. Woher stammen diese? Richtig, aus der Vergangenheit! 

Ist dir mal aufgefallen, wie wenig Menschen sich trauen, über die Zukunft (und die, die es tun, werden nur all zu gern als Träumer*innen, Idealisten*innen und Romantiker*innen abgetan) zu reden. Stattdessen immer und immer wieder über Vergangenes reden? 

Übrigens will ich abschließend zum Bus-Bild noch sagen, dass ich natürlich die Ganzheit aller Varianten zusammen bin. Ähnlich wie mit all meinen unterschiedlichen Anteilen. Deshalb habe ich auch Angst und ja diese Angst kann auch manchmal kurz das Steuer ergreifen, aber ich bin sie nicht! 

So abschließend gilt nur eins, Angst ist nichts vor dem du dich jemals schämen müsstest, sie ist menschlich. Und wenn deine Angst immer größer wird, sei es dir selbst wert und hole dir Unterstützung, du verdienst nur das Beste. 

Ganz viel Bauchliebe an Dich

Deine Weltenbummlerin Sandra, mit „noch/manchmal/leichter/erlaubter/ab und zu“ Angst, weil Angst darf sein! 

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