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Bitte berühre mich – warum unser Körper Berührung braucht, um sich selbst zu spüren - Gastbeitrag von Julia Steppat

Sandra Wurster | 10 November, 2020


          
            Bitte berühre mich – warum unser Körper Berührung braucht, um sich selbst zu spüren - Gastbeitrag von Julia Steppat

Gastbeitrag von Julia Steppat (Instagram: @seelenmut)

Achtung Triggerwarnung: In diesem Text geht es unter anderem um die Krankheit Magersucht. Solltest du aktuell in einer Essstörung stecken, depressiv sein, oder dich nicht wohl mit dem Thema fühlen, könnte der nachfolgende Text triggernd auf dich wirken.

Schon als Kind lehnte ich meinen Körper ab und begann, mit Diäten einem Ideal im Außen hinterherzurennen. Mit der Magersucht begann dann der Körperhass. Jedes Körperteil war einfach nur eklig und nicht gut genug. Meinen Körper als Zuhause sehen? Unmöglich, denn Restriktionen, extremer Sport und jahrelanges Hungern hatten mich von meinem Körper abgespalten. Wenn ich ihn wahrgenommen habe, dann nur mit Abwertung. Seine Signale und Bedürfnisse waren wie eine Fremdsprache für mich.

Heute bin ich dankbar, dass er mir trotzdem all die Jahre zur Seite stand und ich überlebt habe. Ja, ich bezeichne mich selbst als Magersuchtsüberlebende! Denn diese Krankheit ist nach wie vor tödlich.

Die Fähigkeit, unseren eigenen Körper zu spüren, ist der Baustein, um erfüllt zu sein und das Leben in uns zu spüren.
Eine meiner Ressourcen, den eigenen Körper wieder spüren zu lernen, war, mich zu berühren. Dabei war mein Selbstmitgefühl eigentlich immer im Außen auf der Suche nach Bestätigung und Akzeptanz. Meinem eigenen Körper näher zu kommen, hieß auch, verdrängten Gefühlen wieder zu begegnen. Als ich mir selbst die liebevolle Hand reichte und einmal meine Arme um mich schlang, durchströmte mich ein Gefühl von Wärme und Vertrauen. Diese Erfahrung brachte mich dazu, mehr über das Thema Berührung nachzudenken. Dabei fiel mir auf, wie selten wir uns im Alltag bewusst und achtsam anfassen oder tatsächlich Körperkontakt suchen. Als kleines Kind rannte ich in die Arme meiner Eltern, wenn ich mir wehtat. Die liebevolle Umarmung vermittelte mir in diesem Moment Sicherheit.

Als Erwachsene*r ist man auf sich selbst angewiesen, besonders ohne Partner*in. Oftmals sprach ich zu mir und meinem Körper Worte, die ich einer Freundin nie sagen würde. Dabei tut Berührung so gut. Eine liebevolle Umarmung, ein sicherer Händedruck oder ein aufmunterndes Klopfen. Berührung vermittelt uns eine Botschaft, nämlich Trost, Liebe, Wärme und Geborgenheit. Ich glaube, wir müssen uns gerade in dieser schnelllebigen Online-Welt, besonders jetzt mit Corona, selbst eine liebevolle Art von Ersatzmutter sein.

Berührung ist elementar für uns. Ohne sie fühlen wir uns alleine und auch Schmerzen und Schicksalsschläge fühlen sich deutlich schlimmer an. Auch auf neurologischer Ebene konnte gezeigt werden, dass regelmäßiger Körperkontakt Stress und Ängste abbauen kann und unser Abwehrsystem stärkt. Wir brauchen Berührung, um uns lebendig zu fühlen. Wir müssen wieder mutiger werden, zu berühren und berührt zu werden.

Gleichzeitig hat Berührung auch etwas mit Macht zu tun. Wurden wir bereits einmal ohne Zustimmung berührt, fühlen wir uns anderen gegenüber machtlos ausgeliefert. Genau dann richten wir noch das bisschen Kontrolle auf die einzige Person, die übrig bleibt – uns selbst. Ich selbst hatte eine ganze Weile Angst vor körperlicher Berührung, auch durch mich selbst. Die Folgen von einer negativen Erfahrung mit Berührung sind eine Abwehrhaltung und ein Fluchtreflex, diese Situation möglichst schnell zu verlassen. Solange ich vor mir selbst floh, konnte ich mich auch nicht berühren.

Mir selbst vor dem Spiegel zu begegnen und meine Hände am ganzen Körper entlang wandern zu lassen, löste eine ganze Menge Emotionen aus. Anfangs vor allem Angst und Scham. Gleichzeitig vermittelte ich meinem Körper genau in diesen verletzten Emotionen ein Gefühl von „Ich bin für dich da.“ Und genau diese Zuneigung gegenüber sich selbst ist Selbstmitgefühl. Diese Form von Mitgefühl hat nichts mit Selbstverliebtheit zu tun. Es geht hierbei nicht darum, sich den ganzen Tag toll zu finden, sondern darum, sich selbst eine gute Freundin zu sein, um sich selbst zu stützen.

Mit der Zeit lernte ich, mich selber zu trösten und vor allem zu regulieren. Die abwertenden Gedanken der Essstörung wurden für mich neutraler. Ich nahm dieser Sucht den Wind aus den Segeln und sagte Ja zu meinem Körper. Indem ich mich berührte und meinen Tastsinn voll und ganz auskostete, berührte ich auch meine verletzte Seele. Wenn sich unser Gefühl verändert, folgt auch der Körper.

Es musste sich nicht mein Körper ändern, sondern mein Blick in den Spiegel.

Kennst du das Gefühl, wenn bei einem Lachen jede Zelle durch deinen Körper hüpft und nach draußen springen will? Genau solche Situationen kann ich mit einem lebendigen Körper erleben und das möchte ich nicht mehr missen.

Über Julia

  • Psychologiestudentin
  • Gründerin von Das Ease-Tagebuchhttps://etsy.me/2I2FBui
  • Ernährungsberaterin (zertifiziert)
  • Ehrenamtliche Peer-Beraterin bei Anad. E.V

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