Belly Story von Priska: Größerer Körper & größeres Glück
13. Juni 2021
Gastbeitrag

Gastbeitrag von Priska Lachmann (Instagram: @priska.lachmann)

Es ist das Jahr 2012. Ich habe einen ziemlich heißen und tollen Mann in meiner Wohnung. Genauer gesagt liegt er gerade in meinem Bett. Es fühlt sich gut an mit ihm. Genau richtig. Ich will unter die Dusche springen, aber dabei gibt es ein klitzekleines Problem. Ich müsste dafür nackt von ihm weglaufen. Und ich weiß, er wird mir hinterher schauen.

Ich habe aber ein Problem mit meinem Po. Ich gebe es zu. Mein Hinterteil und ich, wir waren noch nie Freunde. Auch nicht in den 90ern, als ich 11 Jahre alt war und in der orangefarbenen Karottenjeans einfach total doof aussah. Fand ich zumindest. Vielleicht sah ich ja auch niedlich aus. Oder cool. Wir werden es nicht herausfinden.

Umweg aus Scham

Ich wusste von der Zeitschrift BRAVO, seit ich 13 Jahre alt war, dass man auf gar keinen Fall vor dem Jungen, den man mag, über seine Problemzonen sprechen sollte, denn dann würde dieser erst recht darauf achten. Männer, so sagte der BRAVO-Redakteur, würden diese Problemzonen nämlich an der Frau gar nicht wahrnehmen und erst unsere Hinweisen auf unsere Speckröllchen würden sie darauf aufmerksam machen.

Nichtsdestotrotz wollte ich an diesem Abend im Jahr 2013 duschen. Nur wie kam ich in die Dusche? Der Weg erschien mir endlos. Und ich kam mir unbeholfen vor. Also versuchte ich tatsächlich, rückwärts aus dem Raum zu gehen. Das gelang mir natürlich mehr schlecht als recht. Der Mann lag also nackt in meinem Bett und ich lief rückwärts aus dem Zimmer. Und damit das nicht zu seltsam aussah, kam mir die rettende Idee, ihn zu fragen, ob er vielleicht gemeinsam mit mir duschen wolle. Er wollte. Kurz darauf standen wir gemeinsam in der kleinen Dusche und sahen uns an.

Und ab diesem Moment ging dieser Mann nie wieder aus meinem Leben raus und wurde der Vater meiner Kinder. Daher weiß ich auch inzwischen, was ihm in diesem Moment durch den Kopf schoss, als ich aufstand und Richtung Dusche lief. Er dachte: „Was für ein wunderschöner Hintern. Den werde ich nie wieder aus meinem Leben lassen. Mit dem will ich alt werden.“

Was Komplimente in uns auslösen. Oder auch nicht.

Das klingt nun alles sehr romantisch und eigentlich sollte mich das mit mir aussöhnen. Mich heilen und mir den Selbstwertboost meines Lebens geben. Eigentlich. Denn Komplimente anderer Menschen oder Wertschätzungen von Männern, egal welcher Art, geben uns nur kurzzeitig Aufwind. Sie heilen nicht unseren Selbstwert und können uns nicht zur Selbstliebe verhelfen. Sie sind nur ein kurzer Puffer. Denn wenn wir uns am nächsten Morgen wieder morgens im Spiegel sehen, dann sind es nur wir. Alleine. Unser Spiegelbild und wir.

Vielleicht muss ich ergänzen, dass ich im Jahr 2012 und wie auch alle anderen Jahre davor, untergewichtig war, trainiert, gertenschlank und sehr groß. Ich war das Supermodel mit den perfekten Maßen. Aber ich war ganz weit weg von Selbstliebe. Stattdessen fand ich Speckröllchen, mochte meine Risse an den Brüsten und am Bauch nicht, die von meiner ersten Schwangerschaft kamen, und fand mich eben alles, nur nicht perfekt. Und damit haderte ich. Von meinem Po mal ganz abgesehen.

Endlich Curvy

Wir spulen vor. 6 Jahre. Zwei weitere Schwangerschaften, einen Hausbau, ein weiteres Studium und eine Selbstständigkeit mehr brachten mir sage und schreibe 35 bis 40 Kilogramm mehr Gewicht. Dazu natürlich große Brüste. Mehr Bauch. Mehr Po. Alles mehr. Und noch nie in meinem Leben war ich so glücklich, zufrieden und angekommen.

Was war passiert?

Es war ein Abend im November. Eigentlich ein ganz normaler Abend. Und doch brannte er sich in meiner Erinnerung ein. Denn an diesem Abend beschloss ich, dass ich mich niemals wieder für meinen Körper schämen möchte. Ich will jede Falte, jedes graue Haar, jede Delle und jedes Kilo lieben. Mein Körper hat tolle Mädchen geboren. Er trägt mich durch den Tag. Er konnte mit wenig Schlaf auskommen. Er bereitet Lust. Er gibt Liebe. Er tröstet. Hält. Arbeitet. Kocht. Wäscht. Liest. Schreibt. Läuft tausende an Kilometern und, und, und.

Eine tiefe Entscheidung

Am Anfang der Selbstliebe stand eine tiefe Entscheidung, die weit über das tägliche „Ich will mich lieben“ hinausging. Es war ein „Ja“ zu aller Unperfektheit und gleichzeitig ein „Danke“ an alles, was mein Körper geleistet und getan hat. Selbstliebe hat nichts damit zu tun, dass wir nicht gesund essen und Sport machen oder abnehmen können. Selbstliebe kennt keine Kilozahl.

Ich will meinem Körper all meine Liebe geben. Ihm guttun. Und vor allem: Ihn lieben, so wie er ist. Mein Körper zeigt all die Liebe, die er tragen durfte. Die vielen Narben und Hautrisse zeigen, was er geleistet hat. Die Kilos, die er mehr trägt, zeigen, wie hart ich studiert und nächtelang gelernt habe. Er ist großartig und perfekt unperfekt.

Über mich:

Ich habe Theologie studiert und wollte ursprünglich Pfarrerin werden. Inzwischen habe ich meine Leidenschaft und meinen Kindheitstraum zum Beruf gemacht und schreibe Bücher und Artikel. Ich lebe mit meiner Familie in Leipzig. Mehr von mir gibt es auf www.mamalismus.de und www.priskalachmann.de.

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