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Belly Story von Jenny S.: Selbstakzeptanz als Schlüssel

Sandra Wurster | 24 January, 2021


          
            Belly Story von Jenny S.: Selbstakzeptanz als Schlüssel

Gastbeitrag von Jenny S.(Instagram: @nesvria)

Triggerwarnung: Im Text wird detailliert über Essstörungen, ihre Ausprägungen und Auswirkungen gesprochen.

Hallo du schöner Mensch!

Meine tatsächliche Belly Story begann wohl schon mit 7 Jahren, als ich von meiner Mutter auf meine erste Diät gesetzt wurde. Es folgten etliche. Einige brachten eine Gewichtsreduzierung, doch das Jojo flog danach höher als es vor der Diät war. So schaukelte sich mein Gewicht immer höher. Lob meiner Mutter bei Abnahme und verletzende Kommentare meines Vaters bei Zunahme ließen meinen Selbstwert schrumpfen. Ich wurde schüchtern, fühlte mich minderwertig und das Mobbing in der Schule machte es noch schlimmer. Beim Diät-Wahnsinn war jedes Mittel recht. Es gab fettbindende Medikamente, die zu Durchfall führten, und ich hörte vor Scham auf zu essen, genauso führten radikale Diäten zu starkem Haarausfall, unter dem ich sehr litt.

Als ich mit 18 auszog, konnte ich essen. Endlich. Niemand setzte mich auf Diät, vermittelte mir, dass ich schlank sein MUSS, und ich hörte auch keine negativen Kommentare zu meinem Körper mehr von meinem Vater. In der ganzen Zeit der Diäten entwickelte ich aber eine Essstörung und jetzt, wo ich frei war, fühlte sich auch meine Essstörung frei, zu essen. Denn unglücklich und unzufrieden, ganz ohne Selbstwertgefühl war ich immer noch. Und natürlich der festen Überzeugung: Man MUSS SCHLANK SEIN WOLLEN. Um jeden Preis. So hatte ich es gelernt.

Der ärztliche Ratschlag, abzunehmen

Dazu kam noch eine hormonelle Störung. PCOS bringt zusätzlich erschwerende Symptome mit sich. Gewichtszunahme, Haarausfall, unregelmäßige Menstruation, Bluthochdruck, Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Gesichtsbehaarung, ständige Müdigkeit und vermehrter Appetit, um nur einige meiner Beschwerden zu nennen. Unter vielen Symptomen habe ich auch psychisch sehr gelitten. Vor allem unter meiner unregelmäßigen Blutung. Ich habe mehrere Jahre nicht menstruiert und das hat mich sehr belastet. Ich fühlte mich unweiblich.

Aber ich wollte Kinder. Also ging ich zu Ärzt:innen. Meine Frauenärztin wies mich ab mit dem Ratschlag, abzunehmen. Mit weniger Gewicht würde auch die Krankheit weggehen. So ähnlich war es auch bei den anderen Versuchen, mir ärztliche Hilfe zu holen. Mein Gewicht war also Schuld, dachte ich. Also war ich Schuld an meiner Krankheit. Ich versuchte alles und quälte mich durch sämtliche Diäten. Bis ich bei meinen Recherchen auf die Adipositas-Chirurgie stieß.

Hauptsache weniger Gewicht

Nach vielen Arztbesuchen und Gerenne für die Krankenkasse war es endlich soweit. Mit einem Gewicht von über 200kg wurde ich operiert. Bereits vorher sagte man mir, dass das Risiko aufgrund des hohen Ausgangsgewichtes hoch sei, zu sterben. All das war mir egal, wenn ich nur endlich weniger wiegen würde.

Ich überlebte, verbrachte aber eine Weile auf der Intensivstation und es war nicht sicher, ob ich es schaffe. Trotzdem war es mir das wert. Man muss alles dafür tun, um schlank zu sein. Diese Überzeugung war tief verankert. Und so ging ich das hohe Risiko ein. Danach purzelten die Kilos. Und in gewisser Weise war das auch gut. Vor der Operation hatte ich kaum 100m laufen können, was mich sehr eingeschränkt hatte. Ich hatte nicht das tun können, was ich wollte. Nun konnte ich mich mehr bewegen und wieder aktiv am Leben teilnehmen.

Allerdings litt ich viele Monate an Depressionen aufgrund der Tatsache, dass ich nicht mehr normal essen konnte. Restaurantbesuche lohnten sich nicht und auch gemeinsames Essen mit Freunden wurde zur Qual. Das Essen fehlte mir und das zog mich tatsächlich extrem runter. Ich zog mich zurück bei Familie und Freunden, fühlte mich nicht zugehörig und dachte, niemand kann verstehen, was ich gerade fühle.

Essanfälle & extra Sporteinheiten

Der positive Lichtblick war: ich hatte eine regelmäßige Menstruation und war in der Lage, zwei Kinder zu bekommen. Doch nach der zweiten Schwangerschaft bekam ich wieder die typischen PCOS-Symptome. Meine Blutung wurde unregelmäßig, ich hatte stellenweise so starken Haarausfall, dass ich über Perücken nachdachte, die Gesichtsbehaarung beschämte mich und sorgte dafür, dass ich mich unweiblich fühlte, und mein Gewicht stieg stetig an.

In meinen Gedanken strafte ich mich selbst: “Wieso kannst du deine Finger nicht vom Essen lassen?” und “Du wärst bei der Magenoperation fast gestorben und kannst trotzdem nicht aufhören, zu fressen!”Ich hasste mich noch mehr und der Blick in den Spiegel war das Schlimmste, was mir am Tag passieren konnte. Ich verzichtete auf Mahlzeiten, bekam wieder Essanfälle und machte sieben Mal die Woche Sport. Wenn ich etwas “Falsches” gegessen hatte, bestrafte ich mich mit extra Sporteinheiten. Doch mein Gewicht stieg weiter. Ich wurde immer unzufriedener, meine Essstörung immer lauter, meine Depression immer schlimmer. Ich war dabei, zusammenzubrechen. Ich wusste, dass ich etwas ändern musste.

Ich hatte genug

Ich hatte genug. Genug von Diäten. Genug vom Sport. Genug von der Waage. Genug davon, mich zu hassen. Genug davon, einem Ideal zu entsprechen.

Zuerst zog ich mich zurück. Ich hörte auf, Sport zu machen und Mahlzeiten wegzulassen. Ich fing ganz langsam an, auf meinen Körper zu hören. So wurden die Essanfälle weniger. Das alles schreibt sich so schnell, ist aber tatsächlich ein Prozess, in dem ich seit drei Jahren stecke und der sicher noch nicht abgeschlossen ist.

Ich fand Gleichgesinnte wie die Bauchfrauen im Internet, lernte, mich selbst zu akzeptieren, und begann, auch auf Instagram darüber zu schreiben. Das wirkte tatsächlich wie eine Therapie für mich. Ich lernte wieder, wann ich Hunger habe und essen sollte und wann nicht. Ich ließ mir nichts mehr verbieten und ging achtsamer mit mir um.

Nichts und niemand kann mich mehr stoppen

Über Instagram habe ich dann eine Diätologin in den USA gefunden, die sich (da selbst betroffen) auf PCOS spezialisiert hat. Durch sie lernte ich, welche Lebensmittel PCOS verschlimmern können und auch welche Sportarten die Symptome noch verstärken. Ich passte ein bisschen was an (ernähre mich aber ansonsten immer noch intuitiv), machte viel weniger, dafür aber den richtigen Sport und bekam endlich wieder eine regelmäßige Blutung. Das Gefühl, jeden Monat zu bluten, kann ich kaum beschreiben. Die meisten Frauen meckern über ihre Menstruation, aber ich genieße es sehr. Mein ganzer Zyklus mit all seinen typischen Phasen ist etwas so Besonderes für mich und mein Blut ist etwas Kostbares.

Auch viele andere PCOS-Symptome verschwanden. Einige sind noch da, aber durch Selbstliebe habe ich gelernt, sie anzunehmen und auf meinen Körper zu hören. Meinem Körper mit Liebe und Verständnis zu begegnen anstatt mit Hass und Vorwürfen. Was tatsächlich auch der Krankheit zugute kommt. Denn Stress ist schlecht bei PCOS.

Ich kann nur für mich sprechen und von meinem Weg erzählen, aber für mich waren die Selbstakzeptanz und die Dankbarkeit, die ich meinem Körper endlich entgegenbringe, der Schlüssel zu einfach allem. Keine Depressionen mehr, keine Essanfälle, keine inneren Vorwürfe. Und vor allem bin ich frei. Ich kann wieder unter Menschen, ohne dass ich mich am liebsten verstecken würde, bin viel offener und kann Kleidung tragen, an die ich mich früher nicht mal im Traum gewagt hätte.

Mein innerer Kritiker ist endlich still und seitdem kann nichts und niemand meinen dicken Arsch mehr stoppen! ?

Deine Jenny

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